Die Juden von Saaz

Der Rabbiner von Prag Avigdor Karar vor den König Wenzel den IV (Jüdisches Museum Prag

Das erste Saazer Ghetto der Juden von Saaz soll sich unweit der Eger befunden haben. Im 14. Jahrhundert hieß ein Platz in Saaz „Judengarten“. Die erste direkte Erwähnung von Juden in Saaz stammt aus der gleichen Zeit:  1350 verlieh König Karl einem Peter, Sohn des Mathias von Eger und Richter in Saaz, unter anderen Privilegien die Gerichtsbarkeit über die Juden. Auch die Saazer Juden gehörten rechtlich zum Eigentum des Königs („königliche Kammerknechte“). Der König gewährte ihnen Schutz und Privilegien, dafür erlegte er ihnen gehörig Steuern auf. Sie wurden reich, weil sie anders als Christen Zinsen auf Darlehen nehmen durften, also auf Geldgeschäfte praktisch ein Monopol hatten.

Am 13. November 1541 kam es dann zu einem furchtbaren Pogrom. Die Quellen beschreiben detailliert, wie die Juden aus den Betten gerissen und in Hemden auf die Gasse getrieben wurden, wie sie erschlagen wurden, wie ihr Hab und Gut an die Plünderer verteilt oder vernichtet wurde.

1650 beschloss schließlich der böhmische Landtag, dass diejenigen Städte, in denen am 1. Januar 1618 kein Jude wohnte oder die das Privileg besaßen, Juden nicht in ihrer Stadt dulden zu müssen, für alle Zeiten „judenrein“ zu bleiben hatten. Dies betraf damals 30 Städte in Böhmen, unter ihnen Saaz. Damit endete die ältere Geschichte der Juden in Saaz bis auf weiteres.

Die Synagoge in Libotschan

Die aus Saaz vertriebenen Juden zogen in die benachbarten Orte, wo sie neue Gemeinden gründeten: Libotschan (Libočany), Tscheraditz (Čeradice), Liebeschitz (Libešice), Horschenz (Hořenec), Michelob (Měcholupy) und Postelberg (Postoloprty). Im Ganzen gesehen war ihre Lage nicht schlecht, ihre Gemeinschaft blühte sogar in der Folgezeit auf. Unter Kaiser Joseph II. und seinem Sohn Leopold lockerten sich die lokalen und sozialen Beschränkungen des jüdischen Lebens. 1848/ 1860 erreichten die Juden schließlich volle Rechtsgleichheit.

Ab 1850 ließen sich seit 200 Jahren wieder jüdische Familien in der wirtschaftlich aufstrebenden Stadt Saaz nieder. Gottesdienst feierte man anfangs in einem Wohnhaus. Der Betsaal befand sich im Haus Nr. 638 der Prager Straße, die von der Drehscheibe in Richtung Kloster (später Schillergasse, heute Obránců míru) führte. 1863 war das jüdische Leben in Saaz bereits so angewachsen, dass man die Verlegung der Synagoge von Libotschan nach Saaz beschloss.. Da die Zahl der Gemeindemitglieder weiter wuchs, entschloss man sich schließlich, in Saaz eine große Synagoge zu errichten. Dazu erwarb man das Haus Nr. 200 in der Langen Gasse, das aus einem Wohnhaus und Nebengebäuden bestand. Letztere wurden abgerissen und zur Baustelle für die Synagoge bestimmt.

Die Synagoge, wahrscheinlich um 1920 aus den Privatarchiv der Fam. Beck in Saaz

Der Bau im byzantinischen Stil wurde 1871 nach den Plänen des Baumeisters Johann Staniek (Staněk) begonnen und am 19. März 1872 vom Rabbiner Dr. Abraham Frank eingeweiht. Es war die zweitgrößte Synagoge Tschechiens und wegen ihrer hervorragenden Akustik berühmt. 1911 wurde sie renoviert und auf Kosten der Familien Alois und Fanny Löbl sowie Karl und Anna Glaser komplett mit Wandmalereien ausgestattet. Innerhalb von vier Jahrzehnten stieg die Zahl der jüdischen Bewohner in Saaz auf 1.200.

Seit Mitte der 1880er Jahre wurden antijüdische Tendenzen auch in Saaz wieder spürbar. Sie hatten eine andere Qualität, als der wirtschaftlich und religiös begründete Antijudaismus des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Der jetzt aufkommende Antisemitismus war eine rassistisch-biologistische Ideologie, die sich zwar gerne älterer ökonomischer Ressentiments bediente, sich aber nicht mit Vertreibung begnügen wollte, sondern auf Vernichtung aus war. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im „Sudetenland“ wurde die jüdische Bevölkerung systematisch vertrieben und schließlich vernichtet. Nur einen Monat nach dem Einmarsch der Wehrmacht  gab die sogenannten „Reichskristallnacht“ den Auftakt dazu.

Am Abend des 9. November 1938 zündete ein Nazi-Mob die Synagoge an, doch die Saazer Feuerwehr verhinderte mit Rücksicht auf die Nachbarhäuser die völlige Zerstörung. Seitdem hat sie nie wieder ihrem ursprünglichen Zweck gedient.

Wenige jüdische Bürger von Saaz überlebten den Holocaust, so Otto Beck, der aus Auschwitz zurückkam. Die meisten Heimkehrer wanderten jedoch bis 1949 nach Israel oder in andere westliche Staaten aus. Leider sind keine Dokumente aus der kommunistischen Zeit erhalten. Was wir wissen, stammt aus mündlicher Überlieferung.

1961 gab es nur noch drei jüdische Gemeinden in Böhmen: Prag, Pilsen und Aussig. Nach der Wende organisierten sie sich in der „Föderation jüdischer Gemeinden in der Tschechischen Republik“. Heute sind wieder zehn Gemeinden aktiv. Für Saaz ist die Gemeinde Teplitz zuständig, zu der 121 Mitglieder gehören. In Saaz leben davon nur noch die Enkeltöchter von Otto Beck mit ihren Kindern Gabriela und Renata Beck.

Die Synagoge heute

Die Saazer Synagoge, die zweitgrö0te in Tschechien, soll Ende 2022 als Kulturhaus und Begegnungsstätte wiedereröffnet werden 

Mehr über die Geschichte Juden von Saaz und die Luftbrücke von Saaz  na Israel 1948 in den Projekt  des Förderverein der Stadt Saaz e.V  „Die Juden von Saaz“

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